Das CJD - Die Chancengeber CJD Nord

Modellprojekt WertICH groß

Mein Leben – meine Werte – unsere Demokratie

Das Modellprojekt WertICH groß wirkte vom 1. April 2015 bis zum 31. Dezember 2019 in den Regionen Malchin, Teterow und Krakow am See in Trägerschaft des CJD Nord. Es wurde gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ und von der Europäischen Union mit Mitteln aus dem Europäischen Sozialfonds MV 2014-2020. Das Projektteam, bestehend aus zwei Personen, arbeitete langzeitpädagogisch mit Kindern und Jugendlichen in der Projektregion.

Die Projektregion ist eine sehr ländliche Region. Weit über ihre Grenzen hinaus hat sie einen negativen Bekanntheitsgrad. Wird in der Presse von völkischen Milieus berichtet, werden häufig Orte aus der Region als Beispiele für völkische Netzwerke und Lebensweisen benannt. Neben diesen Netzwerken existiert eine etablierte rechte Szene aus Autonomen Nationalisten und Kameradschaften. Im Jahr 2016 kamen auch in die Projektregion geflüchtete Menschen aus Syrien und anderen kriegs- und konfliktbelasteten Ländern, was bei vielen Einheimischen mehr als Unsicherheit und Ängste ausgelöst hat.

Ziele und Zielgruppe

Ziele des Projektes sind es gewesen, mit seiner Arbeit den häufig beschriebenen „Rechtsruck“ in der Gesellschaft entgegenzuwirken und positiven Einfluss auf die junge Generation zu nehmen, Kinder und Jugendliche in ihrer Persönlichkeit zu stärken, sie zu demokratischen und menschenfreundlichen Haltungen zu befähigen und sie zu ermutigen, demokratische Werte zu leben und zu verteidigen.

Die Hauptzielgruppe des Projektes waren Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 10 und 15 Jahren, insbesondere junge Menschen, die dabei sind, sich zu radikalisieren oder Merkmale demokratiefeindlicher Haltungen zu entwickeln sowie junge Sympathisant*innen sich radikalisierender Cliquen, Szenen und Gruppen. Aber vor allen Dingen Kinder und Jugendliche aus strukturschwachen Regionen, aus bildungsbenachteiligten Milieus und aus Regionen, in denen sich völkische Milieus sesshaft gemacht haben und rechtes Gedankengut immer mehr in die Mitte der Gesellschaft einfließt, Kinder und Jugendliche, von denen anzunehmen ist, dass sie aufgrund ihres jungen Alters von der Radikalisierungsprävention erreicht werden können.

Im Schuljahr 2015/2016 begann die Arbeit mit den Kindern der 4. Klassen. Diese wurden über drei Jahre hinweg bis in die 6. Klassen begleitet. Ein Jahr später, im Schuljahr 2016/2017 begann die zweite Phase mit Schüler*innen der 6. Klasse. Die Zusammenarbeit mit diesen Gruppen endete im Sommer 2019. Über die Projektzeit hinweg sind ca. 400 Kinder und Jugendliche mit den Angeboten des Projektes erreicht worden.

Herangehensweise – vom Nahen zum Fernen

„Vom Nahen zum Fernen“ ist die Richtung gewesen, die das Projektteam gedanklich mit Kindern und Jugendlichen einschlagen wollte. Genau heißt das, dass nachdem gemeinsam der Begriff „Werte“ geklärt worden ist, mit dem Thema „Familie und Werte“ begonnen wurde. U.a. folgende Fragen wurden besprochen: Welche Werte sind in der Familie wichtig? Gibt es DIE normale Familie oder ist, solange es für jede*n ok ist, alles normal? Einen großen Schritt weiter kam das Thema „Freundschaft und Werte“: Welche Werte sind einer Freundschaft wichtig und was unterscheidet Freundschaft von Familie? Wie viele Freund*innen kann eine*r haben und wie kann eine Freundschaft zerstört werden?

Familie und Freundschaft sind Beziehungen zwischen Menschen, die den allermeisten der Teilnehmenden bekannt sind. Zudem ist Familie die erste Sozialisationsinstanz und legt die Grundsteine für die Werte, die gelebt werden oder eben auch nicht.

Im nächsten Schritt wurde „andere Gruppen und Werte“ thematisiert. Während die Menschen in eine Familie hineingeboren werden und sich ihre Freund*innen selbst aussuchen können, ist z.B. die Schule ein Ort, in dem Menschen eine Gruppe – hier Klasse – bilden, die aus unterschiedlichen Backgrounds kommen. Welche Werte, die in der Familie oder in einer Freundschaft wichtig sind, haben in solchen Räumen bestand? Kommen andere Werte vielleicht hinzu? Welche Rolle nimmt jede*r Einzelne in dem Gefüge ein? Wie wichtig ist Wertschätzung und ein respektvoller Miteinander, in einer Gruppe, die sich die*der Einzelne nicht aussuchen kann?

All die Themen, die (dank der Zeit, die für das Projekt zur Verfügung stand) bearbeitet werden konnten, wurden dann auf die gesellschaftliche Ebene gehoben. Ganz intensiv ist über folgende Fragen diskutiert worden:

In welcher Gesellschaft möchte ich leben? – Was ist Vielfalt? Und wie sähe es aus, wenn es sie nicht gäbe? – Was ist Respekt und was ist respektlos? Wovon ist Respekt (un)abhänig? Warum sollen andere mich respektieren? – Haben in unserer Gesellschaft alle Menschen die gleichen Chancen? – Was ist eigentlich Gerechtigkeit? – Habe ich die Macht, die Welt zu verändern? – Was sind Vorurteile und wie entstehen sie? Kann es eine Welt ohne Vorurteile geben? – Was ist Diskriminierung? Warum entstehen aus Vorurteilen diskriminierende Haltungen und Handlungen? – Was ist Rassismus, Sexismus und Homophobie? – Was ist Zivilcourage? Und wie kann jeder Mensch zivilcouragiert handeln? – Wie werden demokratische Werte im Alltag gelebt und wie könne sie und warum müssen sie verteidigt werden?

Gelingensfaktoren

Es hat sich als erfolgsbringend herausgestellt, zu Beginn genau die Themen zu besetzen, die den Teilnehmenden bekannt sind. „Demokratische Werte“ und „Werte“ an sich sind Begrifflichkeiten, die im alltäglichen Sprachgebrauch bei jungen Menschen nicht auftauchen. Deshalb wurden sie zuerst in Verbindung mit den bekannten Beziehungsformen (Familie und Freundschaft) diskutiert und dann auf die gesellschaftliche Ebene übertragen. Wichtig ist ebenfalls, dass die Projektmitarbeitenden die Teilnehmenden mit ihren Meinungen und Ängsten ernstnehmen, aber trotzdem eine klare Haltung zeigen. Junge Menschen benötigen ein authentisches Gegenüber,  auch wenn sie mit der Person nicht einer Meinung sind.

Zudem konnte durch die relativ lange Zusammenarbeit wirklich kleinteilig gearbeitet werden. Bei Ein-Tages-Veranstaltungen wird häufig (fälschlicherweise) Wissen bei den Teilnehmenden vorausgesetzt, um Themen in kurzer Zeit bearbeiten zu können.

Lesson Learned

Das Projekt begann die Zusammenarbeit mit Kindern in der 4. Klasse. Dies ist im Vergleich zu anderen Projekten im gleichen Themenbereich sehr früh. Dennoch muss noch früher mit der Demokratieerziehung und Radikalisierungsprävention angefangen werden. Je jünger die Teilnehmenden waren, desto offener wurden sie wahrgenommen, offener dem Projekt,  den Inhalten und Methoden sowie den Projektmitarbeitenden gegenüber.

Rückmeldungen der Teilnehmenden

Nach drei Jahren der gemeinsamen Zusammenarbeit haben viele Teilnehmende bestätigt, dass sie sich mit vielen Themen zuvor nicht befasst haben. Aus diesem Grund empfanden viele das Projekt als wichtig und nützlich für ihre Zukunft. Sie betonten zusätzlich, wie wichtig es für sie gewesen ist, dass sie ernst genommen wurden, dass sie offen ihre Meinung sagen konnten und dass sie respektvoll behandelt worden sind.

Unsere Broschüre für Sie

 

Eine ausführliche Projektbeschreibung und eine Zusammenstellung vieler Methoden, die im Projekt durchgeführt worden sind, finden Sie in der Broschüre, die sie unter folgendem Link runterladen können:

WertICH groß (pdf, 2,29 MB)

Die Arbeitsmaterialien zur Broschüre können auf Nachfrage per E-Mail versandt werden.

 

Eindrücke unseres Projektes